Lipödem Akademie

Lipödem-Begleiterkrankungen: Welche Zustände treten häufig gemeinsam auf?

Prof.Dr. Mustafa SAÇAR

Ein Lipödem wirkt nach außen oft wie eine reine Fettverteilungsstörung der Beine. In der Praxis ist das Beschwerdebild aber häufig breiter: chronische Venenerkrankung, Lymphödem, Adipositas, Insulinresistenz, Hypothyreose oder Hashimoto, PCOS, Hypermobilität, fibromyalgieähnliche Schmerzen, Migräne, Schlafstörungen, Verstopfung und psychische Belastung können gleichzeitig bestehen oder Teile des Lipödems nachahmen. Der richtige Ansatz lautet nicht “alles ist Lipödem”, sondern: überlappende Mechanismen erkennen und behandelbare Faktoren gezielt verbessern.

Warum braucht das Lipödem eine breite Abklärung?

Lipödem wird durch Schmerz, Druckempfindlichkeit, leichte Blutergüsse, symmetrische Vermehrung des Gewebes und meist ausgesparte Füße erkannt. Schweregefühl, Ödemgefühl, Müdigkeit und Gelenkschmerzen können jedoch auch aus Venen, Lymphe, Stoffwechsel, Schilddrüse oder Schmerzverarbeitung stammen. Leitlinien und Konsensusarbeiten betonen deshalb eine klare Diagnostik und multidisziplinäre Betreuung (Herbst et al., 2021; Kruppa et al., 2026). was Lipödem ist liefert die Basis, diese Übersicht erweitert sie auf Begleiterkrankungen.

Gibt es eine gemeinsame Ursache?

Eine einzige bewiesene Ursache gibt es nicht. Wahrscheinlicher ist eine gemeinsame Anfälligkeit von Fettgewebe, lockerem Bindegewebe, Mikrozirkulation, Lymphlast, Hormonen, Stoffwechsel und Schmerzempfindlichkeit. Ghods et al. (2020) berichteten vermehrt Adipositas, Hypothyreose, Migräne und Depression. Luta et al. (2025) fanden Komorbiditäten bei 92,1% der Patientinnen, darunter chronische Venenerkrankung bei 86,2% und Adipositas bei 51,7%. Patton et al. (2024) beschrieben Störungen des Glukosestoffwechsels bei 34% sowie chronische Venenerkrankung, Autoimmunthyreoiditis und PCOS.

Was bedeutet Entzündung?

Entzündung ist vereinfacht das Alarm- und Reparatursystem des Körpers. Kurzfristig ist es sinnvoll; dauerhaft niedrig aktiv kann es Schmerz, Gewebeempfindlichkeit, Müdigkeit und metabolische Belastung verstärken. Beim Lipödem ist Entzündung nicht die einzige Erklärung, aber Teil des Gewebemilieus, besonders wenn Schmerz, Fibrose und Stoffwechselbelastung zusammenkommen (Patton et al., 2024).

Venen, Lymphe und Ödemgefühl

Chronische Venenerkrankung kann Varizen, Schweregefühl, Knöchelschwellung und Hautveränderungen verursachen. Lymphödem entsteht durch eingeschränkten Lymphtransport und kann die Füße einbeziehen. Diese Bilder überschneiden sich mit Lipödem und müssen getrennt werden; Unterschied zwischen Lipödem und Lymphödem ist hier eine Sicherheitsfrage. Wenn Lymphlast, Spannung und Schweregefühl dominieren, wird manuelle Lymphdrainage und Kompression ein praktischer Teil der Versorgung.

Adipositas, Insulinresistenz und PCOS

Adipositas verursacht kein Lipödem, kann aber Gelenkbelastung, venösen und lymphatischen Druck sowie Entzündungsbelastung erhöhen. Insulinresistenz bedeutet, dass Zellen schlechter auf Insulin reagieren; Heißhunger, Bauchumfang und Energieabfälle können zunehmen. PCOS kann Zyklusstörungen, Akne, Behaarung, Insulinresistenz und Gewichtsprobleme mitbringen. Lipödem oder Adipositas hilft, Stigma zu vermeiden und metabolische Risiken trotzdem ernst zu nehmen.

Schilddrüse und Hashimoto

Hypothyreose macht kein Lipödem, kann aber Müdigkeit, Verstopfung, Kälteempfindlichkeit, Haarausfall, Gewichtszunahme und Ödemgefühl verstärken. Diese Überschneidung wurde in Lipödemkohorten beschrieben (Ghods et al., 2020; Patton et al., 2024). Bei starkem Energiemangel oder Verstopfung ist Lipödem und Schilddrüsenprobleme die passende Vertiefung.

Hypermobilität und Bindegewebe

Hypermobilität bedeutet, dass Gelenke weiter beweglich sind als üblich. Sie kann mit Instabilität, Schmerzen, niedrigem Muskeltonus und Belastungsintoleranz einhergehen. Fiengo und Sbarbati (2025) berichteten bei 44% der Lipödem-Patientinnen aktuelle Hypermobilität und bei 60% Hypermobilität in der Kindheit. Training sollte daher Stabilität fördern; Lipödem Übungen passt besser als “mehr Druck, mehr Sport”.

Fibromyalgieähnlicher Schmerz und Rheumatologie

Fibromyalgie ist eine Schmerzempfindlichkeitsstörung mit weitverbreitetem Schmerz, Schlafproblemen, Müdigkeit und kognitiver Erschöpfung. Cagliyan Turk et al. (2024) fanden, dass mehr als jede dritte Lipödem-Patientin Fibromyalgiesyndrom haben kann. Entzündlich-rheumatische Zeichen wie geschwollene Gelenke, Fieber oder deutliche Morgensteifigkeit sollten jedoch gesondert abgeklärt werden. Lipödem-Schmerzen hilft, Lipödemschmerz einzuordnen.

Psychische Belastung, Schlaf und Darm

Diagnoseverzögerung, Schmerz, Stigmatisierung und eingeschränkte Mobilität können psychisch stark belasten. Migräne, Depression und Angst wurden in mehreren Kohorten beschrieben (Ghods et al., 2020; Luta et al., 2025). Schlechter Schlaf senkt die Schmerzschwelle. Verstopfung verschlechtert Schwere- und Spannungsgefühl; Verstopfung bei Lipödem ist daher kein Nebenthema.

Praktische Schlussfolgerungen

  • Nicht jedes Symptom ist Lipödem, aber Lipödem kann mit anderen Störungen zusammen auftreten.
  • Schmerz, Schlaf, Darm, Stimmung, Gewicht, Maße und Aktivität sollten gemeinsam verfolgt werden.
  • Venen, Lymphe, Schilddrüse, Insulinresistenz, PCOS und Hypermobilität brauchen manchmal eigene Abklärung.
  • Wenn Schlaf, Blutzucker, Muskelkraft oder Darm besser werden, können auch andere Beschwerden leichter werden.
  • Ein einzelner Ansatz heilt nicht alles; kombinierte, realistische Betreuung ist sinnvoller.

Self-Test und ärztliche Abklärung

Wenn Beschwerden unklar sind, kann Lipödem Selbsttest Beobachtungen ordnen, ohne eine Diagnose zu stellen. Plötzliche einseitige Beinschwellung, Brustschmerz, Luftnot, heiß-rotes Bein, Fieber, Gelenkschwellung oder neue neurologische Zeichen brauchen rasche medizinische Hilfe.

10.5.2026
10.5.2026
Mustafa SAÇAR
Prof.Dr. Mustafa SAÇARKalp ve Damar Cerrahisi UzmanıÖzel Cerrahi Hastanesi, Denizli, TURKEY

Literaturverzeichnis

  1. Herbst, K. L., Kahn, L. A., Iker, E., Ehrlich, C., Wright, T., McHutchison, L., Schwartz, J., Sleigh, M., Donahue, P. M. C., Lisson, K. H., Faris, T., Miller, J., Lontok, E., Schwartz, M. S., Dean, S. M., Bartholomew, J. R., Armour, P., Correa-Perez, M., Pennings, N., Wallace, E. L., & Larson, E. (2021). Standard of care for lipedema in the United States. Phlebology, 36(10), 779–796.doi:10.1177/02683555211015887PMID: 34049453
  2. Ghods, M., Georgiou, I., Schmidt, J., & Kruppa, P. (2020). Disease progression and comorbidities in lipedema patients: A 10-year retrospective analysis. Dermatologic Therapy, 33(6), e14534.doi:10.1111/dth.14534PMID: 33184945
  3. Kruppa, P., Crescenzi, R., Faerber, G., Forner-Cordero, I., Cornely, M., Shayan, R., Karnezis, T., Simarro, J. L., de Souza, P. F., Herbst, K. L., Ghods, M., & Michelini, S. (2026). Lipedema World Alliance Delphi Consensus-Based Position Paper on the Definition and Management of Lipedema: Results from the 2023 Lipedema World Congress in Potsdam. Nature Communications, 17, 427.doi:10.1038/s41467-025-68232-z
  4. Luta, X., Buso, G., Porceddu, E., Psychogyiou, R., Keller, S., & Mazzolai, L. (2025). Clinical characteristics, comorbidities, and correlation with advanced lipedema stages: A retrospective study from a Swiss referral centre. PLOS ONE, 20(3), e0319099.doi:10.1371/journal.pone.0319099
  5. Patton, L., Ricolfi, L., Bortolon, M., Gabriele, G., Zolesio, P., Cione, E., & Cannataro, R. (2024). Observational study on a large Italian population with lipedema: Biochemical and hormonal profile, anatomical and clinical evaluation, self-reported history. International Journal of Molecular Sciences, 25(3), 1599.doi:10.3390/ijms25031599
  6. Fiengo, E., & Sbarbati, A. (2025). Lipedema and hypermobility spectrum disorders sharing pathophysiology: A cross-sectional observational study. Journal of Clinical Medicine, 14(20), 7195.doi:10.3390/jcm14207195
  7. Cagliyan Turk, A., Erden, E., Eker Buyuksireci, D., Umaroglu, M., & Borman, P. (2024). Prevalence of fibromyalgia syndrome in women with lipedema and its effect on anxiety, depression, and quality of life. Lymphatic Research and Biology, 22(1), 2–7.doi:10.1089/lrb.2023.0038PMID: 38127646

Kommentare (0)

Bitte loggen Sie sich ein, um zu kommentieren.

Anmelden
Laden...